Afghanistan-Einsatz

Afghanistan-Einsatz: Für eine Rückkehr nach Kabul

Artikelempfehlung von Präsident Udo von Massenbach

zum Meeting am 18.11.2021

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Meeting am 18.11.2021
Afghanistan-Einsatz: Für eine Rückkehr nach Kabul

Die völlig falsche Interventionspolitik des Westens hat in Afghanistan zu einem Desaster geführt. Trotzdem sollte Deutschland schnell wieder im Land präsent sein.

Ein Gastbeitrag von Hans-Ulrich Seidt

  1. September 2021, 20:15 Uhr 350 Kommentare
Afghanistan-Einsatz
Soldaten auf dem Flughafen in Kabul © Florian Gaertner/Photothek/imago images

Hans-Ulrich Seidt ist Senior Advisor der Agora Strategy Group und Fellow des Liechtenstein Institute on Self-Determination sowie Stiftungsbeirat des Schweizer Afghanistan-Instituts. Von 2006 bis 2008 war er deutscher Botschafter in Kabul.

Am 23. Juni 2021 erklärte Außenminister Heiko Maas, für die Taliban gebe es kein “Zurück ins Jahr 2001”. Dagegen stehe die “selbstbewusste afghanische Zivilgesellschaft”. Acht Wochen später, am 15. August 2021, marschierten die Taliban in Kabul ein. Von einer sich selbstbewusst verteidigenden afghanischen Zivilgesellschaft konnte keine Rede sein. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani, durch eine zweifelhafte Wahl ins Amt gelangt, floh wohlversorgt ins sichere Ausland und ließ Tausende verzweifelter Menschen zurück. Zwar öffnete eine improvisierte Luftbrücke manchen Afghanen einen Ausweg. Aber dennoch endete die von den USA geführte, nahezu zwei Jahrzehnte dauernde Intervention in einem Desaster.

Hans-Ulrich Seidt
Hans-Ulrich Seidt

Die Entwicklung belegt eindrücklich: Was Maas über die Taliban sagt, gilt auch für den Westen. Im Vergleich zum 11. September 2001 hat sich nicht nur die strategische Position der USA, sondern vor allem die der Europäischen Union erheblich verschlechtert. Sie ist heute von Krisen umringt. Die EU steht ihnen zudem in Nordafrika, der Sahelzone, im Nahen und Mittleren Osten und in Osteuropa allein gegenüber, da sich die Amerikaner weitgehend zurückgezogen haben. Der offenkundige Ansehens- und Einflussverlust Washingtons in den vergangenen Jahren hatte und hat unmittelbare Auswirkungen auf die Atlantische Allianz. Schon Thomas Hobbes lehrte, dass Macht auf Reputation beruht. Wird diese Reputation beschädigt, gerät die Autorität der Führungsmacht ins Wanken.

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Für eine allumfassende Analyse, warum der Westen in Afghanistan gescheitert ist, ist es wahrscheinlich noch zu früh. Dennoch lassen sich bereits heute zwei Faktoren identifizieren, die maßgeblich dazu beigetragen haben.

An erster Stelle steht die irregeleitete US-amerikanische Interventionspolitik unter Präsident George W. Bush. Sie nahm den Terroranschlag vom 11. September 2001 zum Anlass, einer imaginären “Achse des Bösen” den Krieg zu erklären. Während Osama bin Laden und die Führer der Taliban in Pakistan Unterschlupf fanden, bekämpften US-Soldaten in den Bergen und Steppen Afghanistans örtliche Aufständische, von denen sich manche sogar gegen die Taliban zur Wehr gesetzt hatten. Dann marschierten die USA im Frühjahr 2003 mit einer “Koalition der Willigen” in den Irak ein. Sie besetzten das Land, scheiterten militärisch bei der Aufstandsbekämpfung und hinterließen politisch und ökonomisch einen Trümmerhaufen.

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Bereits 2006 warnten kritische Stimmen vor der “Irakisierung” Afghanistans. Als sich am Hindukusch die Situation weiter dramatisch verschlechterte, nahmen die USA 2013 unter Präsident Barack Obama in Doha Kontakte zu Vertretern der Taliban auf. Sein Nachfolger Donald Trump forcierte die Gespräche mit dem Ziel eines möglichst raschen US-Abzugs, der im August dann durch Joe Biden vollzogen wurde.

Die zweite Ursache war die falsche Hoffnung, das Land irgendwie stabilisieren zu können. In Afghanistan sollten, beispielhaft für die restliche Welt, religiöse und ideologische Konflikte überwunden werden – mithilfe der westlichen Werte einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft. Diese Vorstellung beschrieb der ehemalige US-Diplomat John Kornblum unlängst als späte Frucht eines realitätsfernen und naiven deutschen Idealismus. Was er dabei jedoch übersieht: Der Export politischer Leitbilder gehört seit Langem zu den erklärten Instrumenten und Zielen der US-Außenpolitik. In ihrer programmatischen Schrift Democracy hat Condoleezza Rice, Sicherheitsberaterin und Außenministerin unter George W. Bush, die amerikanische Interventionspolitik nach 2001 ausdrücklich mit der Absicht eines gesellschaftspolitischen Regimewandels begründet. Nur scheiterte dieser Ansatz nicht nur in Afghanistan, sondern nach dem Arabischen Frühling in nahezu allen Transformationsgesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens.

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Trotz oder gerade wegen des raschen militärischen Erfolgs der Taliban in Afghanistan besteht aber kein unmittelbarer Anlass zur Verzweiflung. Verglichen mit den blutigen Gefechten der Vergangenheit verlief die erfolgreiche Sommeroffensive der Taliban 2021 ohne größere Auseinandersetzungen. Sicherlich kam es in ihrem Verlauf zu Opfern unter der Zivilbevölkerung. Auch dauert die Verfolgung politischer Gegner und persönlicher Feinde an. Gleichwohl aber gab es, soweit jedenfalls bisher bekannt, keine Massaker, die etwa dem Massenmord im bosnischen Srebrenica 1995 entsprachen. Die weitgehend kampflose Einnahme Kabuls verlief – trotz der nur zu verständlichen Panik vieler Afghaninnen und Afghanen – nach afghanischen Maßstäben geradezu gewaltfrei. Die Botschaften der Russischen Föderation und der Volksrepublik China evakuierten ihr Personal nicht und setzten während und nach der Einnahme Kabuls ihre Arbeit fort.

Erst in den kommenden Wochen und Monaten wird sich erweisen, ob die Taliban ihre Herrschaft im ganzen Land durchsetzen können und welche Form sie annehmen wird. Dennoch sollte die Bundesregierung so rasch wie möglich wieder in Kabul vertreten sein. Damit wäre keine moralische Billigung der Taliban-Herrschaft verbunden. Deutschland würde mit einer Wiedereröffnung seiner Botschaft lediglich diplomatische Beziehungen fortsetzen, die mit Afghanistan seit mehr als 100 Jahren bestehen. Die offizielle Entsendung eines Botschafters ist dafür auch nicht erforderlich. Ein Geschäftsträger mit einem kleinen Stab tüchtiger Mitarbeiter reicht aus.

Afghanistan: Machtübernahme der Taliban

Weshalb ist die Rückkehr nach Kabul notwendig? Die Lage in der Hauptstadt und im ganzen Land ist unübersichtlich und instabil. Gerade deshalb ist es für die Bundesregierung wichtig, zuverlässige Informationen zu erhalten. Welche politischen Persönlichkeiten und Kräfte bestimmen die Zukunft des Landes? Sind es lokal und regional verwurzelte Traditionalisten? Oder sind es die fremdgesteuerten Vertreter interessierter Dritter? Wie gefährlich sind die miteinander konkurrierenden internationalen Dschihadisten? Gibt es afghanische Lösungen für afghanische Probleme oder werden die Probleme des Landes von außen geschürt und instrumentalisiert? Ohne Präsenz vor Ort lassen sich diese Fragen nicht überzeugend beantworten.

Hinzu kommt die notwendige humanitäre Nothilfe – wie etwa die Lieferung von Medikamenten für die Zivilbevölkerung. Vor allem aber gilt es, eine Fluchtbewegung aus Afghanistan und den damit verbundenen brain drain zu verhindern. Längerfristig wirkende Maßnahmen wie Wiederaufbauhilfe und entwicklungspolitische Zusammenarbeit müssen davon abhängig gemacht werden, ob und in welchem Umfang die Führung in Kabul ihre neu gewonnene Macht mit verantwortlichem Regierungshandeln verbindet.

Die seit über einem Jahrhundert andauernde Zusammenarbeit zwischen Afghanistan und Deutschland wird von der großen Mehrheit der Afghanen viel höher eingeschätzt, als dies der deutschen Öffentlichkeit bewusst ist. Die offiziellen Offerten der Taliban an die Bundesregierung mögen taktisch motiviert sein. Aber sie zeigen auch das grundsätzliche Vertrauen, das die Afghanen nach wie vor der deutschen Politik entgegenbringen. Es wird sorgfältig zu prüfen sein, in welchem Umfang sich daraus langfristige, zukunftsorientierte Perspektiven bilateraler Zusammenarbeit ergeben können.

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